Tiergesundheitssymposium - Landesverband der Rassegeflügelzüchter Weser-Ems e.V.

1892 - 125 Jahre - 2017

Landesverband der Rassegeflügelzüchter Weser-Ems e.V.

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Tiergesundheitssymposium

Geflügelpest

2. Niedersächsisches Tiergesundheitssymposium in Oldenburg

Das 2. Niedersächsische Tiergesundheitssymposium fand am 31.08. und 01.09.2017 im Landesmuseum Natur und Mensch in Oldenburg statt. An beiden Tagen trafen sich rund 150 Teilnehmer, überwiegend Veterinäre und Veterinär-Referendare, um sich über das Thema Geflügelpest auszutauschen. Der Landesverband der Rassegeflügelzüchter Weser-Ems war mit Lars Steenken und dem Berichterstatter an beiden Tagen in Oldenburg vor Ort. Nachfolgend möchten wir die zehn Fachvorträge und die erlangten Erkenntnisse in einem Überblick zusammenfassen.

„Die Stallpflicht für den Hobbyhalter ist zu überdenken“, Minister Christian Meyer

Zu Beginn eröffnete der Nds. Landwirtschaftsminister Christian Meyer das Symposium. In einem kurzen Resümee blickte er auf das vergangene Geflügelpestgeschehen in Niedersachsen. Dem Land Niedersachsen ist ein Schaden in Höhe von etwa 17 Millionen Euro durch das Geflügelpestgeschehen entstanden. Dazu seien noch die direkten Kosten der niedersächsischen Tierseuchenkasse zu rechnen. Kritisch betrachtete Meyer den Umgang mit der 12-Wochen-Frist für die Kennzeichnung der Freilandeier. Im Hinblick auf kommende Seuchenzüge, die nicht auszuschließen seien, betonte er, dass die Stallpflicht für Hobbyhalter zu überdenken sei. So seien Erleichterungen für Rassegeflügel bei Einhaltung der Biosicherheitsmaßnahmen im Gespräch.  

Fachvortrag 1:
Dr. Barbara Hoffmann vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft referierte zur Rechtssetzung der Geflügelpest. Das Geflügelpestgeschehen 2016/17 hat gezeigt, dass verschiedene Regelungen der aktuellen Geflügelpestverordnung modifiziert werden müssen. Grundsätzlich soll künftig klarer zwischen der kommerziellen Haltung von Geflügel und Hobby- und Rassegeflügelhaltungen unterschieden werden.  
Eine internationale Meldung ist bei einem Ausbruch in einer Hobbyhaltung dann nicht mehr notwendig, wodurch Exportsperrungen vermieden werden. Tauben, die für die Verbreitung der Geflügelpest nur eine untergeordnete Rolle spielen, werden aus dem Geltungsbereich der Verordnung ausgenommen. Auf Nachfrage wurde erklärt, dass Tauben dann zukünftig auch in Sperrbezirken nicht aufgestallt werden bräuchten. Die Regelungen der als Dringlichkeitsverordnung erlassenen „Verordnung über besondere Schutzmaßregeln in kleinen Geflügelhaltungen vom 18. November 2016“ werden insoweit in die Geflügelpestverordnung übernommen als für die zuständige Behörde eine Anordnungsbefugnis geschaffen wird, für kleinere Geflügelhaltungen Biosicherheitsmaßnahmen anordnen zu können. Ausnahmemöglichkeiten von der Stallpflicht sollen künftig neben Gänsen und Enten auch für Laufvögel möglich sein und es wird die Übernetzung von Ausläufen als Alternative gesehen. Die Änderungen sollen rasch abgestimmt werden, sodass eine Bundesratsbefassung mit der Verordnung noch im Herbst möglich ist.

Fachvortrag 2:
Claudia Mroz von der Task-Force Veterinärwesen des Niedersächsischen Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit fasste das niedersächsische Geflügelpestgesehen in Zahlen zusammen. In Deutschland wurden zwischen dem 8. November 2016 und dem 9. Mai 2017 insgesamt 1151 Wildvogelfälle und 107 Ausbrüche in Geflügelhaltungen festgestellt. Niedersachsen verbuchte 46 Ausbrüche in Geflügelhaltungen und 51 festgestellte Wildvogelbefunde. 42% aller in Geflügelhaltungen ausgebrochenen Fälle in Deutschland wurden in Niedersachsen gemeldet. Die Ausbrüche in niedersächsischen Putenhaltungen machten rund 74% der gesamten Ausbrüche in Putenhaltungen in Deutschland aus. Im Vergleich zum Geflügelpestgeschehen 2008/2009 wurden in Deutschland dreimal so viele Fälle in Hausgeflügelbeständen festgestellt. Besonders in der Gemeinde Garrel im Landkreis Cloppenburg kam es wegen der hohen Bestandsdichte von Putenhaltungen zu zahlreichen Fällen.  

Fachvortrag 3:
Dr. Erwin Sieverding referierte über die Aufgaben des praktischen Tierarztes und des amtlich beauftragten Tierarztes im HPAI-Geschehen (Biosicherheit, Eigenkontrollen, Abklärungsuntersuchungen etc.). Der Tierarzt mit einer Praxis in Lohne beleuchtete zunächst die rechtlichen Grundlagen, die im Tierschutzgesetz geregelt sind. Auch wurden die Unterschiede zwischen praktischen Tierärzten und amtlich beauftragten Ärzten definiert. Grundsätzlich sah er die Kooperationsmöglichkeit zwischen stattlicher und wirtschaftlicher Seite als Vorteil an. Abschließend forderte er, dass künftige Tötungen und Räumungen eines betroffenen Bestandes nicht bei Windstärke 3 und mehr erfolgen sollten. Auch die Entsorgung durch das Verladen der Kadaver sollte nur in geschlossenen Räumen erfolgen, um eine Ausbreitung des Erregers zu vermeiden.  

Fachvortrag 4:
Im vierten Fachvortrag ging es um wirtschaftsseitige Aufgaben und Problemstellungen aus Sicht der Veterinärbehörden. Den Vortrag hielt Dr. Hermann Seelhorst vom Landkreis Cloppenburg. Allein im Landkreis Cloppenburg wurden im vergangenen Seuchengeschehen über 600.000 Tiere getötet. In 29 Putenhaltungen und einem Legehennenbetrieb trat das Virus auf. Die Errichtung von Sperr- und Beobachtungsgebieten führte zu Verbringungsverboten und Handelsbeschränkungen. So konnte Schlachtgeflügel nicht rechtzeitig in den Niederlanden geschlachtet werden, wodurch es teilweise zu Tierschutzproblemen in den Betrieben kam.  
Es konnte erst nach einiger Zeit an deutsche Schlachthöfe umgeleitet werden. Die Vermarktung von Schlachtgeflügel aus Sperrbezirken stellte laut Seelhorst ein großes Problem dar. Auch die Tatsache, dass vornehmlich männliche Puten zur Mast gehalten werden und die weiblichen Tiere in andere Mitgliedsstaaten zu verkaufen, war durch Exportsperrungen nicht möglich. Seelhorst forderte die Wirtschaft auf, neue Vermarktungswege zu finden und Krisenpläne für die Geflügelwirtschaft zu erstellen. Außerdem sollten Stallreserven für Krisenzeiten geschaffen werden. Auch das Töten von Küken in Brütereien muss vermieden werden.

Fachvortrag 5:
Dr. Markus Sekulla vom Fachdienst Veterinärmedizin und Verbraucherschutz im Kreis SchleswigFlensburg (Schleswig-Holstein), referierte zum Ausbruch in einem Großelternzuchtbetrieb für Masthähnchen in Grumby. Sekulla stellte den Betrieb mit 38.000 Tieren vor. Detailliert wurde der Verlauf des Ausbruchs in diesem Stall aufgezeigt. Die einzelnen Schritte des Hofpersonals, des Hoftierarztes und später der Veterinäre wurden vorgestellt. Um den Ablauf zu verdeutlichen, wurden Videomitschnitte und Fotos aus den Stallungen gezeigt. Auch die Tötung des Bestandes durch CO2 in Kleincontainern mit Deckeln oder der Elektrobetäubung mit anschließender CO2-Tötung wurde vorgestellt. Vom ersten Verdacht bis endgültigen Räumung und Desinfizierung des Stalles vergingen fünf Tage. Danach erfolgte noch eine 42-Tage dauernde Desinfektion des Mistes mit Branntkalk.   

Fachvortrag 6:
Der Vortrag zur Entwesung, Reinigung und Desinfektion bei hochpathogener Aviären Influenza wurde durch Frank Niemann von der Firma DesFa GmbH aus Molbergen gehalten. Der Ablauf einer Stallreinigung nach einem Geflügelpest-Ausbruch wurde vorgestellt. Zu Beginn erfolgt immer die Bekämpfung von Schadnagern rund um die Stallungen. Nach der Tötung des Geflügelbestandes werden die im Stallinnenraum vorhandenen Tiere mit einer Desinfektionsmittellösung benetzt. Vor den Entmistungsarbeiten wird der Stallmist mit einer Desinfektionsmittellösung benetzt. Am Lagerplatz des Mistes erfolgt eine Oberflächendesinfektion, bevor der Mist abgedeckt wird. Direkt nach der Entmistung erfolgt die Reinigung der Stallinnen- und Außenoberflächen mit einem chemischen Reinigungsmittel. Im Anschluss erfolgt die Desinfektion, die nach sieben Tagen wiederholt werden muss. Nach Abtrocknung der Stallungen erfolgt eine Spritzbehandlung gegen kriechende Insekten in allen Ecken und Nischen. Im Nachfrageteil wurde deutlich, dass eine Durchtränkung des gelagerten Mistes nicht möglich ist. Die Oberflächendesinfektion und abschließende Abdeckung soll ein Abtragen von Erregern durch den Wind verhindern.

Fachvortrag 7:
Dr. Heidemarie Heyne vom Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt Mecklenburg-Vorpommern referierte zum Umgang mit einer Biogasanlage auf einem HPAI-Ausbruchsbetrieb. Hintergrund war der Ausbruch der Geflügelpest auf zwei Betrieben, die in unmittelbarer Nachbarschaft eine Biogasanlage betrieben, die auch mit dem Mist der Stallungen versorgt wurden. Es wurden in dem Vortrag die rechtlichen Bestimmungen in aller Ausführlichkeit dargelegt. Weiter wurde beleuchtet, wie die zuständigen Veterinärbehörden in den beiden Fällen vorgegangen sind. Es wurde festgestellt, dass die Maissilos für die Biogasanlagen eine Lockwirkung auf Wildvögel haben, wodurch die Gefahr der Erregereinschleppung in den Tierbestand erhöht werden kann. Außerdem erhöht das Ablagern von kontaminiertem Dung in der Inkubationszeit die Gefahr der Erregerausbreitung und Infektion von Wildvögeln. Dr. Heyne resümierte auf Nachfrage des LVVorsitzenden Steenken, dass die Transportwege zwischen den Stallungen und der Ablagestätte des Mistes und der Einstreu einen Knackpunkt darstellen. Eine strikte Trennung zwischen Geflügelhaltung und Biogasanlage sollte erfolgen, um Restrisiken abzutragen.  

Fachvortrag 8:  Heinz-Walter Leßmann vom Landkreis Cloppenburg gab einen Einblick in das Geflügelpestgeschehen im Landkreis Cloppenburg. Kernthema war die Frage “Was wir über die Wege des Virus wissen“ und das war im Übrigen nicht viel, wie der Referent gleich zu Beginn des Vortrages betonte. Zunächst sprach Leßmann von einer Herdeninkubationszeit von zwei bis fünf Tagen und einer gleichmäßigen Verteilung der Befunde in einem Stall bei Puten. Bei Ausbrüchen im Januar konnten keine Verbindungen zwischen den Betrieben festgestellt werden. Die Beprobung von Wildvögeln in Stallnähe ergab keinen Nachweis für die Verbreitung der Geflügelpest durch Wildvögel. Auch eine Windverdriftung konnte zunächst ausgeschlossen werden. So wurde das Virus nur schwach bei Luftmessungen festgestellt. Zudem ist es fraglich, ob das Virus wirklich kilometerweit fliegen kann. Außerdem wurde die verbesserte Ladetechnik durch eine Folienabdeckung der Ladeschaufel und dem permanenten Besprühen der toten Tiere angesprochen. Die Biosicherheit für unvermeidbare Kontakte konnte als richtig eingestuft werden. Jedoch seien bei der Biosicherheit mögliche Verbindungen zwischen Eintrag und Ausbruch des Virus zu suchen. So sind typische Schwachstellen die Einstreu, das Ausschleusen von Falltieren oder die Betreuung von mehreren Beständen durch eine Person oder eine Maschine. Offene Fragen gab es beim Umgang mit Futterresten und Federresten in Stallumgebung und warum primär Putenhaltungen vom Virus befallen wurden.  

Fachvortrag 9:
Der englischsprachige Vortrag von Prof. Dr. Ab Osterhaus von der tierärztlichen Hochschule Hannover trug den Titel „Siegeszug einer Seuche“. Osterhaus beleuchtete zunächst das große Influenzageschehen weltweit in letzten Jahrhundert. Verschiedene Virustypen lösten vier große Pandemien innerhalb der Weltbevölkerung aus. Von einer H1N1-Pandemie kann 2009 gesprochen werden. Mittlerweile gibt es 16 verschiedene Subtypen, die auftreten können. Das Screening in den Niederlanden bezog sich auf die Formen H5 und H7. Der Wildvogelflug von Gänsen und Enten wurde beleuchtet und Experimente mit dem Virus vorgestellt. Die Virusform H7N9 wurde ebenfalls betrachtet. Letztlich sei eine internationale Zusammenarbeit und Koordination auf allen Ebenen wichtig, um künftige Pandemien zu verhindern oder gezielt zu bekämpfen.  

Fachvortrag 10:
Unter dem Titel „Vollgenomanalysen zur Charakterisierung und Einordnung der zirkulierenden AIViren“ gab Dr. Christian Grund vom Friedrich-Löffler-Institut einen Überblick über die Virusformen. Mit insgesamt 1151 Fällen bei Wildvögeln, 68 Ausbrüchen in Geflügelbeständen und 16 betroffenen zoologischen Gärten zwischen November 2016 und Juli 2017 war die vergangene HPAIV-Epidemie die Bedeutendste der jüngsten Vergangenheit Das Aviäre-Influenza-Virus sei hoch variabel und besitzt ein natürliches Reservoir in frei lebenden Wasservögeln. Die Vorläuferviren des in Europa auftretenden AIV H5N8 wurden in Asien nachgewiesen. Die genetischen Veränderungen zu Vorläuferviren weisen auf eine Übertragungskette hin. IN Europa erfolgte der Eintrag von unterschiedlichen Virusvarianten. Die virologische Diagnostik erlaubt eine schnelle Erkennung und Differenzierung der Geflügelpest. Mit den Worten, dass die „Reduktion der Tierdichte gelebter Tierschutz sei“, endete der Vortrag.  

Prof. Dr. Kühne vom niedersächsischen Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz beendete das 2. Niedersächsische Tiergesundheitssymposium.  

Der Fernsehsender SAT 1 berichtete von dieser Veranstaltung in einem kurzen Beitrag. Auch der LV-Verbandsvorsitzende äußerste sich zur Situation. Leider wurden aus dem etwa 20minütigen Interview über Rasse- und Erhaltungszucht nur einige Sekunden veröffentlicht.  

Neben den Fachvorträgen war auch das Gespräch am Rande mit den verantwortlichen Veterinärmedizinern, mit den Vertretern aus den Ministerien und Behörden äußerst wichtig.  
Der gedankliche Austausch und das gegenseitige Verständnis im Dialog sind sicherlich nicht zu unterschätzen.  

gez. Jens Tammen LV-Tierschutzbeauftragter
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