Verden 30.Mai 2017 - Landesverband der Rassegeflügelzüchter Weser-Ems e.V.

1892 - 125 Jahre - 2017

Landesverband der Rassegeflügelzüchter Weser-Ems e.V.

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Verden 30.Mai 2017


„Die Vogelgrippe ist ein hoher Eingriff“, betont Niedersachsens Minister für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Christian Meyer, bei der Eröffnung des Treffens mit Vertretern von Kleintierzuchtverbänden aus den Landesverbänden Hannover und Weser-Ems im Niedersachsenhof in Verden. Wildvögel und Wind stehen im Verdacht den Virus zu verbreiten. Bei Kontrollen wurden in Betrieben der Geflügelwirtschaft Mängel in der Biosicherheit festgestellt. In solchen Fällen sollte die Tierseuchenkasse nicht die volle Entschädigung zahlen, sagt Christian Meyer. Und er fordert, dass der Bund Einheitlichkeit im Umgang mit der Vogelgrippe schaffen sollte unter Beachtung des Tierwohls. Für Niedersachsens Agrarminister steht fest: „Wir brauchen Ausnahmen für Kleinhalter und eine klare Regelung für Ausstellungen.“
 
Der Vorsitzende des Landesverbands Hannover der Rassegeflügelzüchter, Alfred Karl Walter, verdeutlicht, dass die Mitgliederentwicklung „deutlich gegen den allgemeinen Trend läuft. „Wir vertreten über 7000 Mitglieder, die in 157 Vereinen organisiert sind und neun Prozent der Mitglieder sind unter 18 Jahren. Wir sind mit einem Durchschnittsalter von 55 Jahren kein überalterter Verband, sondern stellen die Mitte der Gesellschaft dar.“ Alfred Karl Walter betont: „Neben den eigentlichen Rassegeflügelzüchtern vertreten wir auch die nicht organisierten Geflügelhalter, die von den Auswirkungen der Vogelgrippe ebenso stark betroffen sind.“
 
Der Landesverbandsvorsitzende hebt hervor, dass bei der LV-Tagung in Nienburg ein klares Bekenntnis zum Tierschutz abgegeben und durch eine Satzungsänderung bekräftig wurde. „Wir verstehen uns als Fürsprecher für die Tiere und deren Wohl, ohne dabei den Nutztiergedanken zu vergessen. Wir stehen auch in der genetischen Zuchtarbeit für die Selektion auf Tiergesundheit.“
 
Ausdrücklich dankt Alfred Karl Walter Minister Meyer, „der an unserer Seite steht, wenn es um den Erhalt von tiergemäßen Ressourcen und das Tierwohl geht“. Der LV-Vorsitzende macht keinen Hehl daraus, dass es Forderungen an das Ministerium und die Politiker gibt. Da ist zunächst ausgehend von Artikel 20a des Grundgesetzes die Forderung nach Entökonomisierung in der Tierwohlabwägung. Will heißen: keine Keulung gesunder Tiere in Betrieben innerhalb eines Sperrbezirks, stattdessen Quarantäne mit fortlaufenden Untersuchungen. „Der Fall Wörth hat gezeigt, dass Tiere in gutem Allgemeinzustand mit der als ,Seuche‘ bezeichneten Krankheit gut zurechtkommen können.“ Dass das Geflügel in Wörth von selbst gesundete, zeige aber auch, dass die Großbestandshaltung dem Tierwohl und dem allgemeinen Gesundheitszustand nicht zuträglich ist. „Gerade das Nichtkeulen würde die Möglichkeit eröffnen, die Biosicherheitsmaßnahmen auf ihre Effektivität zu prüfen und Verbreitungswege der Krankheit zu untersuchen“, erklärt Alfred Karl Walter.
 
Eine weitere Forderung ist die nach Zulassung eines Impfstoffes, der von organisierten Züchtern auf freiwilliger Basis eingesetzt werden kann, mit der Verpflichtung keine Tiere zu exportieren.
 
Die dritte Forderung bezieht sich auf die Ausstellungen. „Genetische Vielfalt zu erhalten, wie im internationalen Abkommen von Rio de Janeiro festgelegt, ist nur durch Ausstellungen möglich. Die kommerzielle Haltung in Großbeständen hat die Geschöpfe auf Fleisch- und Eierproduzenten reduziert, was sicherlich auch die Anfälligkeit für Krankheiten begünstigt. Auch wir sehen bei aktivem Seuchengeschehen die Notwendigkeit Ausstellungen nicht durchzuführen. Allerdings hat es sich gezeigt, dass Schaugenehmigungen nicht risikobasiert erteilt wurden, sondern flächendeckend die Durchführung von Schauen von amtlicher Seite untersagt wurde. Hierzu wird eine ministerielle Klarstellung gefordert, unter welchen Risikoeinschätzungen Ausstellungen genehmigt oder abgesagt werden müssen. Und dann sind da auch noch die Kosten, die bisher die Vereine und Aussteller im Fall der Absage allein tragen. Hier sollten auch die Kommunen an den Kosten beteiligt werden.
 
Abschließend geht der Vorsitzende des Landesverbands Hannover der Rassegeflügelzüchter noch einmal auf den Tierschutz ein. Er lobt die Arbeit von Minister Christian Meyer gegen das Kupieren von Schwänzen bei Schweinen, das Schnabelkürzen beim Geflügel und fragt, wie es sein kann, dass „in der wirtschaftlich ausgerichteten Geflügelhaltung inzwischen Tiere gezüchtet, besser gesagt  vorproduziert werden, deren Endprodukte in der Mast nicht mehr fähig sind, das Reproduktionsalter zu erreichen, da ihr Skelett dafür nicht geeignet ist“. Dass die Großbestandshaltung dies billigend in Kauf nimmt, könne man nur vor dem Hintergrund von wirtschaftlichem Druck verstehen, „mit Tierwohl und Tierschutz hat dies nicht zu tun. Wir fragen uns, wann offiziell untersucht wird, ob diese Mastlinien nicht den Tatbestand der Qualzucht erfüllen“, erklärt Alfred Karl Walter.
 
Für Landwirtschaftsminister Christian Meyer ist es richtig, dass sich die Rassegeflügelzüchter „von der industriellen Massenware absetzen wollen, ihre Art der Geflügelhaltung wird akzeptiert und hat Zukunft“. Christian Meyer, der von sich selbst sagt „Ich bin ein unverbesserlicher Optimist“, erkennt auch einen steigenden Trend zur privaten Tierhaltung und empfiehlt Geflügel-, Kaninchenzüchtern und Imkern noch mehr über ihr Tun zu informieren.
 
Großes Lob für seine Arbeit erntet Niedersachsens Landwirtschaftsminister auch von Lars Steenken, dem Vorsitzenden des Landesverbandes Weser-Ems der Rassegeflügelzüchter. „Die ehrenamtlichen Verbände aus der Kleintierzucht haben es derzeit nicht leicht. Vogelgrippe, Chinaseuche, Bienensterben - und von Seiten der Politik und den Fachbehörden hört man immer wieder Seuchenschutz vor Tierschutz. Und dann der Blick zu möglichen wirtschaftlichen Folgen. Es ist ein Spagat für alle Beteiligten.“ Er dankt Christian Meyer für sein generelles Abwägen und das Hinterfragen der Situation. „Wir können es nachvollziehen, wenn Ihnen die Tötung von einer halben Million Putenküken missfällt, nur weil diese durch einen Transportstopp nicht vermarktet werden konnten. Wir können es nachvollziehen, wenn Sie bei einem Negativbefund die Tötung eines Kontaktbetriebes nicht genehmigen.“
 
Lars Steenken geht hingegen mit den Kreisbehörden ins Gericht: „Es kann aber nicht sein, wenn Landkreise immer wieder ihren eigenen Weg gehen, wenn Erlasse ignoriert oder einfach abgeheftet werden.“ Unverständlich ist ihm auch, „wenn man keine eindeutige Weisung gibt, wie zum Beispiel bei der angedachten Ermittlungen durch die Staatsanwaltschaften hinsichtlich der Kükentötungen und wenn Erlasse hinsichtlich der Aufhebung von Stallpflichten ignoriert werden. Föderalismus in allen Ehren, aber manche Sichtweisen werden sich in einigen Kreisen kaum ändern. Die Gründe sind sicherlich sehr unterschiedlich.“
 
Nachdem fast eine Million Tier getötet und Millionen Euro als Ausgleich gezahlt worden waren, sei es wieder ruhig geworden um die Geflügelpest, auch in der Presse. „Das ist gut so, aber der nächste Fund wird kommen, irgendwo findet man wieder einen infizierten Wildvogel, in einem großen und voll besetzten Putenstall wieder den Virus, so dass ganze Landkreise wieder Stallpflicht ausrufen. Dann wird erneut das Leid vieler Tiere in Kauf genommen.“ Lars Steenken sieht deshalb nur diesen Weg: „Unter Hochdruck muss jetzt aufgearbeitet und wissenschaftlich untersucht werden und es muss eine vollumfängliche Aufklärung der Eintragungswege geben. Es kann doch nicht sein, dass man den Mist aus einem infizierten Putenstall neben dem Stall mit einer Folie abdeckt, um diesen nach 42 Tagen auf den Flächen austragen zu können. Und dann setzt sich der Haufen noch zwei Mal in Brand, wie in Bösel.“
 
Für Lars Steenken ist die Frage, wie kommt der Mist aus dem Stall zum Ablageplatz, lassen sich Schadnager durch eine Folie abhalten. Man lasse dieses auch Dank der EU-Verordnungen zu, aber im gleichen Atemzug sehe man Gefahren durch die Windübertragung. „Viele Fragen an zuständige Stellen werden einfach ignoriert. Auch haben wir mehrfach den Kontakt zur Landestierschutzbeauftragten gesucht. Keine Antwort, keine Reaktion.“ Umso mehr  freue es die Kleintierverbände, dass sie von Seiten des Ministeriums gehört werden, dass sie an wichtigen Tagungen teilnehmen dürfen, dass die Kleintier- und Erhaltungszüchter auch in den Landtagsdebatten Erwähnung finden. Das habe es früher nicht gegeben.
 
„Der schnelle Ruf aus der Politik heraus nach landes- oder bundesweiten Stallpflichten macht uns allergrößte Sorgen. Es ist noch gar nicht lange her, da wurde der Freilauf von Geflügel nicht als Regel sondern als Ausnahme gesehen.  Herr Minister, setzen Sie sich bitte dafür ein, dass das Rassegeflügel auch in Zeiten der Geflügelpest genug Auslaufmöglichkeiten erhält. Hier sehen wir baurechtliche Vereinfachungen, und wenn erforderlich, die Überdachung von  Volieren lediglich mit einem Netz. Auch Geflügelausstellungen sollten stattfinden dürfen, da diese in einem geschlossen Raum stattfinden“, erklärt der Vorsitzende des Landesverbandes Weser-Ems.
 
„Die Hobbyhalter und Kleinhalter sind die Geschädigten“, so sieht es auch Minister Meyer. 15 bis 16 Millionen Euro sind bereits seit dem Ausbruch der Vogelgrippe im November für die Geflügelwirtschaft geflossen. „Wir lesen  in den Tageszeitungen von finanziellen Unterstützungsleistungen für Wirtschaftsgeflügel- und Freilandhalter. Wenn Rassegeflügelausstellungen durch behördliche Anordnungen teils kurzfristig nicht stattfinden dürfen, wenn Kleintierzüchter wegen behördlicher Anordnung zur Aufstallung einen Teil ihrer wertvollen Tiere schlachten oder ihre Ställe vergrößern und Volieren bauen müssen, dann wollen auch wir eine finanzielle Unterstützung“, fordert Lars Steenken.
 
Peter Jahn (LV Hannover)

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